Besuch im Tierheim in Malagón, Spanien

Auf der einen Seite waren wir nervös, weil wir nicht wussten, was uns erwartet, ob es schlimm werden würde, ob wir sehr traurig sein würden. Auf der anderen Seite haben wir uns nach dem Tag gesehnt, an dem wir die Spenden übergeben können und wieder viel mehr Platz in unserem Van haben würden. In den letzten Monaten haben wir nämlich unsere Freunde und Bekannte nach Spenden für das Tierheim gefragt und es kam eine Menge zusammen. Wir hatten eigentlich den Plan, auch auf dem Wochenmarkt zu sammeln und in Schulen, denn sicher haben viele Hundebesitzer ein paar alte Leinen und Spiezeug. Zum Glück war dafür jedoch in den Reisevorbereitungen, Umzugsstress und Jobaufgabezeit keine Zeit mehr, denn wie sich heraus stellte, bekamen wir durch unsere Freunde und Freundes-Freunde, Familie und ein paar Facebook-Kontakte schon so viel zusammen, dass Jeres Mutter sicher war, dass wir das niemals in den Van bekommen würden – da war ich mir eigentlich auch sicher… doch es passte.

Und so reisten wir in den ersten 2,5 Wochen so, dass jeden Morgen und Abend ein Teil der Spenden umgeräumt werden musste, so dass wir in unserem kleinen Bus aufrecht stehen konnten. Ein anderer Teil der Spenden war fest verstaut in unseren Regalen und unserer Aussenkiste- eigentlich ein gutes Gefühl, dass wir unser Auto nicht so voll gestopft haben, dass nicht noch die Spenden reinpassen (demnächst schreibe ich ein paar gelernte Weisheiten zum Thema «Ordnung halten im Van»).

Zu dem Tierheim in Malagon führt eine extrem hubbelige Sandstrasse mit vielen großen Schlaglöchern. Es liegt abseits, was auch gut ist, denn die Hunde können schon recht ausgiebig bellen. Andererseits könnte ich mir vorstellen, dass manche potentiellen Gassigänger und Besucher mit etwas sportlicheren Autos da nicht hin kommen.

Aber wie wir erfahren haben, gibt es wohl eh sehr wenig Unterstützung aus Malagon (8.700 Einwohner) selbst. Die Spenden und das Interesse kommen eher aus dem Ausland: Holland, Deutschland, Frankreich. Recht erstaunlich ist, dass es hier bei so einer kleinen Stadt trotzdem 80-90 Hunde gibt. Aber das Einzugsgebiet ist wohl grösser..

Bei der Ankunft gab es natürlich einen riesig Tumult, die Hunde sind alle in Zwingern unter freiem Himmel untergebracht und haben oft nur ein kleines Hüttchen oder wenig Wellblechdach. Eines der Gebäude ist so gebaut, wie es in deutschen Tierhheimen üblich ist: Ein Haus, an das Zwinger angebracht sind, so dass sich jeder Hund innen und aussen aufhalten kann. Um dieses Haus herum wurden aber einfach weitere völlig unterschiedliche Zwinger ohne feste Mauern errichtet. Das Gelände ist wahrscheinlich durch den Andrang organisch gewachsen, mit weiteren kleinen Gebäuden, Zwischen-Gittern und Bereichen. Die Hunde begrüssten uns, als wir auf den Hof fuhren mit Bellen und sprangen auf ihre Hüttendächer, gucken durch alle Ritzen, die es gab.

Wir waren also mit Nieves verabredet, die Hauptverantwortliche des Tierheims. Wie viele junge Spanier ist sie arbeitslos, hat aber ein paar ehrenamtliche Jobs und investiert viel Zeit in den Tierschutz- eigentlich fast ein Vollzeitjob. Viele Leute sind überrascht, wenn sie hören, dass auch die Mitarbeiter in den Tierschutzorganisationen in Deutschland das meistens komplett ehrenamtlich machen und viele Abendstunden und Wochenenden opfern, um die Vermittlungen und Spendensammlungen zu organisieren – so auch in «unserer» Organisation, der Tiernothilfe Vergiss mich nicht.

Mit Nieves zusammen kamen noch zwei junge Frauen, die ebenfalls ehrenamtlich mithalfen. Uns wurde direkt klar: Englisch funktioniert gar nicht, wir können uns nur auf spanisch über den Google-Übersetzer unterhalten. Viele Kleinigkeiten gehen auch mit «Händen und Füßen», aber wenn es auf detailliertere Dinge ankommt, lernten wir alle schnell, in das Smartphone zu sprechen und Google übersetzen zu lassen. Ob wir alles richtig verstanden haben, werden wir aber nie erfahren 😉

Eigentlich ging es direkt chaotisch los. Nachdem wir alle Spenden aus dem Van heraussortiert hatten, trugen wir sie in das Gelände, auf dem ein paar Hunde schon frei zwischen den Käfigen herum liefen. Wie wir später erfuhren, wird hier rotiert, so dass tagsüber und nachts immer andere Hunde etwas mehr Auslauf auf dem Innenhof haben. Die Helfer fingen direkt an, den nächtlichen Kot wegzusammeln und die Zwinger zu reinigen. Es wirkte alles viel sauberer, als ich es erwartet habe. Ich denke, es kommt auch daher, dass hier alles unter freiem Himmel mit viel Lust und Sonne passiert. Der Ort wirkte nicht so bedrückend und traurig, geschweige denn aggressiv, sondern voller Leben und Freude.

Wir machten Fotos und streichelten, versuchten jedem Hund ein bisschen Aufmerksamkeit zu geben. Es gibt hier kaum kleine Hunde, die meisten sind kniehoch und grösser, alle sprangen an uns hoch, so dass wir schnell lernten, einen festen Stand einzunehmen und ab und uns durchzusetzen. Nieves öffnete immer neue Gehege mit jeweils mehreren Hunden, andere Hunde gingen wieder in ihre Käfige, alles wirkte sehr eingespielt, nach einem Prinzip, aber für uns völlig überfordernd. Eigentlich wollten wir auch einzelne Hunde fotografieren, aber das war unmöglich, da man die ganze Zeit angerempelt und angesprungen wurde. Ich bin gespannt, ob wir nur halbe Hunde und schlabebrnde Schnauzen auf den Bildern haben.

In solchen Hundegemeinschaften bilden sich anscheinen ganz starke Hierarchien. Man merkte schnell, welche die dominanten Hunde sind, denn die schickten allein mit ihrer Körperhaltung die anderen weg und erbettelten sich das Vorrecht auf Liebe. Wenn man doch nur auch so eine gute Körpersprache hätte.

Wir machten also viele verwackelte Bilder mit halben Hunden drauf. Aber eigentlich nicht so schlimm, denn es gibt von vielen Hunden bereits sehr schöne Bilder auf der Tierschutzwebseite.Einen Hund sollten wir uns genauer ansehen: Pina (gesprochen Pinja). Sie sollte ein Boxermischling sein. Sie war auf jeden Fall der liebesbedürftigste und aufdringlichste Hund von allen, unübersehbare, der die anderen alle im Griff hatte. Aber trotzdem zuckersüss und lieb.

Nieves packte dann die Kauknochen aus und ging mit uns durch die Tierheimbereiche. Wie vorher schon befürchtet, war der traurigste Bereich der «Listenhundebereich», in dem alle Mischlinge mit Genen aus den Listenhunderassen saßen: Breite Schädel, kräftige Körper, auch ein süßer Rottweiler mit dem lustigen Namen «Batman» war dabei – alle samt werden sie hier bis zu ihrem Ende sitzen und nicht vermittelt werden, nur weil in irgendeinem Familienteil eine angeblich aggressivere Rasse enthalten ist.

Wenn ich was in den zwei Tagen in diesem Tierheim und bei dem Besuch bei Nevis zuhause (mit ihren 12 Hunden) gelernt habe, dann dass ich selbst schon extrem emotional von den Medien beeinflusst bin. Seit dem Sommer 2000, in welchem Zeitungen und Fernsehen über die «ständigen Angriffe» berichtet haben, um die Sommerpause zu füllen (danach war es wieder ruhig). Was damit angerichtet wurde… seit dem habe ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich so einem Hund begegne und traue mich kaum, ihn anzufassen, obwohl ich es vom Kopf her besser weiß. Ich habe viel darüber gelesen und weiß rational, dass aggressive Hunde durch ihre Halter (oder Krankheiten) entstehen, nicht durch die Rasse. Viele Fakten werden oft nicht erwähnt, wie die Hunde vorher geprügelt und scharf gemacht wurden etc., sondern man hört nur, dass der Hund ein Kind angegriffen hat.

Die Folge ist, dass man in vielen Europäischen Ländern mit einem Listenhund nicht Urlaub machen darf, dass man diese Hunde melden muss, Maulkorbflicht (z.B. in Bremen) herrscht… Es gibt wenige Zahlen (keine deutschlandweiten), aber in Hamburg gibt es eine Angreifstatistik: Erster Platz geht an den Hütehund «Schwedischer Lapphund», dann kommen erst noch 7 andere Rassen, wie der mexikanische Nackthund, bevor auf Platz neun der Listenhund American Staffordshire Terrier auftaucht. Aber die gefühlte Wahrheit scheint hier und in Europa Politik zu machen, was die so genannten Listenhunde angeht – was sich auch in dem verbreiteten Wort «Kampfhunde» ausdrückt. Wieviel Leid Individuen dieser Rassen dadurch wiederfährt, ist für mich kaum ertragbar.

Zurück zum Tierheim: wir haben sie alle geknuddelt, zumindest alle die wollten, ein paar machten einen grossen Bogen um uns, aber fanden die Abwechslung sicherlich trotzdem interessant. Die zwei Nächte verbrachten wir in unserem Van vor dem Tierheim, die Tiere gewöhnten sich bald an uns und das Gebell ging irgendwann nur noch bei anderen Geräuschen los. Trotzdem muss das Gebell in so einem Tierheim einen gewaltigen Stress für die Tiere bedeuten.

Am nächsten Tag trafen wir uns morgens wieder mit Nieves, denn wir hatten uns über die Nacht Gedanken gemacht: Schon lange vor der Reise kam uns der Gedanke (auch auf Grund von zwei unabhängigen Hundetrainerinnen, die wir mit Snoop hatten), dass ein zweiter Hund zum einen für Snoop eine Chance wäre, die Welt mit mutigeren Augen zu sehen, zum anderen durchaus in unser Leben passen würde. Wir hatten Nieves schon vor unserer Ankunft gesagt, dass wir möglicherweise einen Hund adoptieren würden, wenn wir einen finden, der zu Snoopy und uns passt.

Nieves empfohl uns nach unserer mühsam übersetzen spanischen Beschreibung schon über Whats App den englischen Setter «Sofi». Auch nachdem sie nun Snoopy und uns kennengelernt hat, empfahl sie weiterhin sehr wehement diesen süßen Hund. Wir überlegten hin und her, denn Sofi hatten wir schon kennengelernt und wir machten uns Gedanken: Denn sie war jung und schön und hat vielleicht mehr Chancen, vermittelt zu werden, als andere «Insassen». Wir fragten bei der Tierschutzorganisation in Deutschland nach, denn wir würden auch einen älteren schwarzen Hund nehmen, da diese so wenig Chancen bekämen.

Wir machten also den Snoop-Test mit ihr und einem Langzeitinsassen. Und Snoopys Reaktion war sofort eindeutig: Sofi sollte es sein. Er hat in den 3 Jahren nur bei einem anderen Hund so eine Neugier gezeigt, wie er es hier bei Sofi zeigte. Sie durfte ihm nahe kommen, er war äusserst interessiert. Sie verhielt sich genau richtig, blieb ruhig, liess ihn auf sich zukommen, sehr souverän.

Weil wir die Chance hatten, Sofi besser kennen zu lernen, machten wir gleich ein paar mehr Tests: Wir luden Sie ins Auto und fuhren ein Stück, um zu sehen, ob sie Probleme mit dem Autofahren hat. Aber, als wäre sie schon Jahre mit uns unterwegs, legte sie sich auf eine Decke auf den Boden unseres Vans, legte auch den Kopf ab und nutzte die Fahrzeit zum entspannen vom Tierheimstress. Wir nahmen das als Anlass, um mit ihr in das Dorf zu fahren. Dort stieg ich mit ihr aus und drehte eine Runde über zwei Plätze und durch ein paar Strassen, denn ich wollte sehen, wie sie mit solchen Situationen umgeht. Denn letztendlich wäre ein zweiter ängstlicher Hund wahrscheinlich kontraproduktiv für Snoop. Es war nicht viel los und wir mussten ein bisschen nach Menschen suchen, aber dann hatten wir Glück. Ich war ein bisschen geschockt, denn sie lief die ganze Zeit direkt an meiner Seite, völlig souverän an einer kleinen Menschengruppe vorbei, dann kam auch noch eine alte Frau mit Stock und eine mit einem Rollator (alles Panik-Auslöser für Snoop). Sofi war unbeeindruckt. Natürlich kann das auch eine einmalige Sache gewesen sein, vielleicht war sie völlig überfordert, aber sie schien eigentlich gelassen, hatte eine gute Körpersprache.

Nachdem wir die Rückmeldung aus Deutschland bekommen hatten, dass es erst eine Anfrage für Sofi gab, aus der aber leider nichts geworden ist, entschieden wir uns, dass wir sie adoptieren werden. Wir fuhren Mit Nieves nach Ciudad Real in eine Tierklinik, wo zum einen ihr EU-Pass hinterlegt war und auch noch mal ein paar Gesundheits-Checks gemacht werden sollten. Ausserdem wurde sie auf Ungeziefer untersucht, der Tierheim-Schlonz entfernt und die Krallen geschnitten. Während der ganzen Checks gingen wir in ein Cafe und bekamen leider nach einer halben Stunde eine schlechte Nachricht: Bei einem Schnelltest auf Mittelmeerkrankheiten kam heraus, dass Sofi anscheinend «Leishmaniose» hat. Um wirklich sicher zu sein, muss ihr Blut im Labor untersucht werden.

Leishmaniose wird auch krasserweise als «Hunde-Aids» bezeichnet, was dieser Krankheit einen grossen Schrecken gibt: Letztendlich wird es über Mücken übertragen, kann aber nicht von einem Tier auf ein anderes gegeben werden, auch nicht, wenn die Mücke erst das eine und dann direkt das andere Tier sticht. Für Snoopy herrscht also keine Ansteckungsgefahr. In vielen Fällen können Hunde mit dieser Krankheit mittlerweile ein relativ normales langes Leben führen. Es gibt natürlich auch die ganz schlimmen Fälle, bei denen starke und schlimmer Symptome auftreten.

Wir hatte uns schon bei der Adoption von Snoopy über die Krankheit informiert und überlegt, ob wir damit klar kämen und so war es für uns eine recht schnelle Entscheidung, dass wir Sofi trotzdem adoptieren. Da das Labor einen weiteren Tag brauchte, schlief Sofi diese Nacht das erste mal bei uns im Van und genoss die Ruhe und Gemütlichkeit. Am nächsten Tag wurden wir, wie auch am Tag davor, zu Nieves Mutter zu einem original spanischen Mittagessen eingeladen – was für tolle Erfahrungen! Alles schmeckte so lecker und die Mutti holte immer neue Sachen – Schinken, Käse,, Kartoffeltortilla, leckere kleine Gerichte mit Huhn, Nüsse, Erdbeeren, Kuchen, Törtchen. Wir bedanken uns tausendmal und genossen den Einblick in diese Küche.

Abends kam dann das Ergebnis und der Leishmaniose-Wert war zwar niedrig, aber eindeutig. Wir besorgten alle nötigen Medikament, schauten bei Nieves zuhause vorbei und lernten die 12 Hunde kennen, die auf dem sehr großen und toll angelegten Grundstück bei ihr wohnten. Die Hälfte von ihnen waren Listenhunde, aber was für große und schwere Brocken dabei waren, ausserdem ein Schäferhund, der aussah, als ob noch ein Bär mit drin steckte und jede Menge anderer süßer Vierbeiner. Ein paar hatten Leishmaniose und ich denke Nieves wollte uns auch noch einmal zeigen, dass die Hunde damit sehr gut klarkommen. Tatsächlich ist die Krankheit leider sehr verbreitet, so dass teilweise (auf Sizilien) 80% der Hunde infiziert sind.

Anschließend besuchten wir noch ein «Hundehotel», eine Unterkunft, wo auch ein paar Tierheimhunde untergebracht waren, die schon vermittelt waren und hier bis zum Transport noch untersucht und behandelt werden (wenn ich das richtig verstanden habe). Hier erhielten wir noch ein Medikament und waren fertig, um mit Sofi in ihr neues Leben aufzubrechen. Für dieses neue Leben erhält sie einen neuen Namen: Passend zu Snoop Dogg heisst sie nun Dr. Dre. (Rufname «Dre», gesprochen «Dräi»)

Was für aufregende Tage, was für eine schöne Zeit!Jetzt wird es spannend, wie unsere Reise mit Snoop und Dre in unserem Van weitergeht…