Was ich mach, ist indy! – Kann man als Vanlifer individuell sein?

Wir wollen anders sein, als die anderen, besonders kreativ sein, etwas ganz anders machen, als andere, uns abheben – Hipster sein. Und trotzdem werden wir ganz schnell zu Kopien. Woran liegt das?

Wir planen die Reise ja schon seit 2-3 Jahren, konkreter wurde es, als wir im Frühling 2017 auf die Suche nach einem Van gingen. Damals war noch offen, ob wir 2018 fahren oder 2019. 2018 wären wir noch ein wenig Vorreiter gewesen, aber wenn uns etwas schockiert hat, im letzten Jahr, dann: Gefühlt ALLE kaufen sich gerade einen Van, bauen ihn aus und fahren durch Europa. Filme wie «Weit» und «Expedition Happiness» haben im letzten Jahr den Aussteiger-Trend noch einmal angeheizt. Selbst in der Elterngeneration kaufen sich jetzt plötzlich gefühlt alle ein Wohnmobil – und wenn es die Eltern machen, ist eigentlich der Coolness-Punkt überschritten! Instagram quillt über mit #vanlife-Bildern. Wir haben alle ähnliche Logos und meistens «Was mit Medien» studiert, sind an einem Punkt in unserem Leben, an dem wir aussteigen wollen, etwas anderes erfahren, aber so, wie es noch nie jemand gemacht hat.

Auf dem Album-Release-Konzert unserer Lieblingsband Quiet Lane (Werbung) brachte es ein Song der Support-Vorband Morphil für uns genau auf den Punkt. Der Sänger mit seiner rauchigen Stimme singt seit dem in unseren Köpfen immer wieder den Song «Eine Band»:

«Was ich mach, ist indy, nicht individuell.
Vielleicht ein bisschen indypendent, aber null originell.»

Wir machen vielleicht ziemlich viel selbst, lassen uns manchmal treiben und sind gezielt planlos, aber letztendlich machen wir doch alle das gleiche. Als Medienschaffende, mit dem Erfolg unseres Neuseeland-Blogs im Rücken, haben wir Ansprüche an uns selbst aufgebaut, wollen Aufmerksamkeit generieren und Follower – damals wollten wir noch Leser 😉 Wir haben sogar richtig rational in einem «Meeting» «gebrainstormt» was wir anders machen können, als andere, was unser «USP» sein könnte, unsere Einzigartigkeit, unsere Individualität. Wisst ihr, was da rauskam? «Wir könnten die Follower entscheiden lassen, wo wir hinfahren und dort dann interessante Interviews drehen». Wir hatten die Idee dann verworfen, weil wir es uns doch freihalten wollten, wo wir hin fahren und ob wir überhaupt Medienarbeit machen wollen. He has! Ganz originell…. Genau so einen deutschen Blog haben wir dann ein halbes Jahr später gefunden: «Wir haben unsere Jobs gekündigt, fahren durch Spanien und Portugal und ihr dürft bestimmen, wo es hin geht.»

Wir hatten also keinen Plan, wie wir individuell sein können und was macht man da? Man besorgt sich erst mal die Ausrüstung. Wenn man erstmal die Hardware hat, kommen die Ideen von ganz alleine 😉 Jere kaufte sich ein «Wie baue ich ein Drohne»-Buch und erklärte das zum neuen Hobby, wir wünschten uns einen Gimbal (so ein Teil, wie ein Selfie-Stick, nur zum Filmen, der die Kamera gerade hält und Schwankungen ausgleicht – it`s magic!) und ein gutes Mikrofon zu Weihnachten und kauften Unmengen an Zubehör. Soviel zum Thema: Unser Ziel ist es, uns zu reduzieren, mit weniger auszukommen, weniger zu konsumieren – das behandeln wir vielleicht noch in einem anderen Artikel.

Als wir dann im Sommer 2018 in Norwegen an einem schönen Fjord standen, kam ein Social-Media-Instagram-Travaler-Van vorbei – zu erkennen an den Instagram-Aufklebern 😀 (so wie bei uns – Was ich mach, ist indy…) Bevor sie am nächsten Tag abfuhren, drehten sie erst einmal mit ihrer laut dröhnenden Drohne das Losfahren… Das war dann der Punkt, an dem wir keine Drohen mehr wollten – was ich mach ist indy…

Wer jetzt erwartet, dass die Lösung aller Individuallitäts-Probleme hier im Artikel noch genannt wird: Hätte ich vielleicht gleich am Anfang schreiben könnenäh nein, wir sind immer noch nicht individuell. Ich versuche mich mit diesem Beitrag näher an die Lösung zu schreiben, vielleicht kommt ja noch ein Heureka-Moment. Also bleibt ruhig länger auf dem Blog und lest weiter, dann steigen wir vielleicht bei Google im Ranking 😉

Ich höre noch mal in den Song und eigentlich bringt es Morphil in seinen Zeilen auch für alle Social-Media-Influencer auf den Punkt:

«Meine Clips auf Youtube haben 50.000 Clicks.
Dank der sozialen Medien sind es jetzt schon sichere Hits.
Halte mich an Schema F, es wird nicht rumprobiert.
Nee, “wasist doch nicht wichtig, hauptsache es funktioniert.»

Also eine Möglichkeit wäre es, einfach zu schauen, welche Beiträge gut ankommen und ähnliche Dinge zu produzieren. Also doch wieder her mit der Drohne?

«Hab mir dir Untreue geschworen, würd über die eigene Leiche gehen.»

Das könnten wir, fühlt sich aber doof an – mehr wie Arbeit. Die Chance wäre hoch, dass wir damit über die magische Grenze kommen. Wenn wir über 15.000-40.000 Follower (Angaben variieren) bekommen, wäre die Reise zumindest zum großen Teil finanziert. Ich bekomme auf Instagram schon Werbung für ein Buch: Wie werde ich Reise-Influencer…. Oh Gott, es macht schon einer Geld damit, zu coachen, wie andere mit Reisen Geld machen!

Aber was ist der Gegenentwurf, der individuellere Pfad? Wo ist er? Alles schon so zertreten hier! Und jetzt kommt er! Der Moment! Das Geheimnis wird gelüftet: Wir machen das, worauf wir Lust haben und tasten uns voran. Wahrscheinlich hat dieses Foto schon jemand gemacht oder jenes Thema in einem Blog-Beitrag behandelt. Ich schreibe das, was ich möchte, wann ich es möchte. He has! Ich bin total betrunken von der Macht! Egal, ich halte die Augen offen, wenn ich Lust habe, mache ich ein Foto oder ein Video und schreibe über etwas, das ich für mich oder andere festhalten will. Im unendlichen Universum gibt es nichts, das es nicht gibt – es gibt alles schon! Also was bringt mich weiter? Bringt das die Follower? Keine Ahnung. Vielleicht reisen wir dadurch kürzer, weil das Geld schneller ausgeht. Dafür machen wir aber mehr das, was uns Spaß macht.

Und wenn wir wieder sehen, wie jemand seine Van-Schränke mit Holz verkleidet, seine Lichterkette anbringt und ein Wandutensilo an den Beifahrersitz hängt, dann singen wir gemeinsam: «Was ich mach ist indy, nicht individuell.»